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Musik

Ungarn ist ein Musikland von Weltrang: Hier schrieb Franz Liszt seine „Ungarischen Rhapsodien“, hier retteten Béla Bartók und Zoltán Kodály Tausende Bauernlieder vor dem Vergessen, und hier komponierte Ferenc Erkel die Nationalhymne. Dieser Überblick führt von der archaischen Volksmusik über Csárdás, Nationaloper und Operette bis zum Sziget-Festival – und zeigt Ihnen, wo Sie ungarische Musik heute erleben können.

Musik gehört in Ungarn so selbstverständlich zum Leben wie der gute Wein und das deftige Essen. Vom Streichensemble im Kaffeehaus über die prunkvolle Staatsoper bis zum größten Open-Air-Festival Mitteleuropas reicht die Bandbreite. Wer sich für das kulturelle Erbe des Landes interessiert, findet hier eine der reichsten Traditionen Europas – eng verbunden mit der ungarischen Kultur insgesamt und tief verwurzelt in den ungarischen Traditionen. Für ein kleines Land hat Ungarn der Musikgeschichte erstaunlich viele Namen von Weltrang geschenkt – und drei davon, Liszt, Bartók und Kodály, gehören zum Kern jedes Konzertkanons.

Was zeichnet die ungarische Volksmusik aus?

Ihren altertümlichen, östlichen Kern. Die ältere Schicht der ungarischen Volksmusik beruht auf halbtonlosen Fünftonleitern (Pentatonik), wie man sie auch in der Musik zentralasiatischer Steppenvölker findet – ein Erbe der finno-ugrischen und türkischen Wurzeln der Magyaren. Typisch sind außerdem ein stark tänzerischer Charakter, ein freier, deklamierender Vortrag der älteren Lieder (der sogenannte parlando-rubato-Stil) und häufige Takt- und Tempowechsel. Die Texte erzählen vom Hirtenleben, von Liebe, Auswanderung und vom Outlaw-Leben der „Betyár“-Räuber in der Puszta. Erst die systematische Erforschung durch Bartók und Kodály machte diesen Schatz im 20. Jahrhundert sichtbar und unterschied ihn klar von der populären „Zigeunermusik“ der Stadtcafés, die viele bis dahin für „die“ ungarische Musik gehalten hatten.

Wichtige Instrumente der ländlichen Tradition sind die Geige als Melodieführer, der dreisaitige Bratschenbass (kontra), der Kontrabass und – als unverwechselbarer Klang – das Cimbalom, ein großes Hackbrett, das mit weichen Schlägeln gespielt wird. In der Region Szabolcs und im Szeklerland Siebenbürgens haben sich besonders viele archaische Melodien gehalten. Heute lebt diese Musik vor allem in der Táncház-Bewegung weiter, einer Tanzhausbewegung, die seit den 1970er-Jahren originale Dorftänze und -lieder pflegt und 2011 in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde.

Wer sind die wichtigsten ungarischen Komponisten?

Vier Namen ragen heraus – und sie decken zweihundert Jahre Musikgeschichte ab. Franz Liszt (1811–1886) war der erste musikalische Weltstar des Landes und Erfinder der modernen Konzertpraxis. Ferenc Erkel (1810–1893) schuf die ungarische Nationaloper und die Melodie der Hymne. Béla Bartók (1881–1945) und Zoltán Kodály (1882–1967) hoben die bäuerliche Volksmusik auf das Niveau der klassischen Avantgarde. Hinzu kommen im 20. Jahrhundert Ernst von Dohnányi, der spätromantische Brückenbauer, und György Ligeti, dessen Klangflächen die Filmmusik prägten. Wer mehr über die Persönlichkeiten erfahren möchte, die Ungarn international bekannt gemacht haben, findet einen Überblick bei den berühmten ungarischen Persönlichkeiten. Auffällig ist, wie eng diese Komponisten miteinander verbunden sind: Erkel und Liszt gründeten gemeinsam die Musikakademie, an der später Bartók, Kodály und Ligeti studierten oder lehrten.

Wer war Franz Liszt?

Der berühmteste Musiker, den Ungarn hervorgebracht hat. Franz Liszt (1811–1886), auf Ungarisch Liszt Ferenc, war einer der größten Klaviervirtuosen aller Zeiten, ein gefeierter Komponist und Mitbegründer der modernen Konzertpraxis – er erfand das Solo-Recital und das Spiel auswendig am offenen Flügel. In seinen 19 „Ungarischen Rhapsodien“ verarbeitete er Melodien, die er für typisch ungarisch hielt; tatsächlich stammten viele aus dem Repertoire der Roma-Kapellen, die er in seiner Jugend gehört hatte. Liszt schuf außerdem die sinfonische Dichtung als neue Gattung und hinterließ mit der h-Moll-Sonate eines der bedeutendsten Klavierwerke der Romantik.

Für Ungarn entscheidend ist sein Wirken als Aufbauhelfer des Musiklebens: 1875 gründete Liszt gemeinsam mit Ferenc Erkel die Budapester Musikakademie und wurde ihr erster Präsident. Die Akademie trägt heute seinen Namen und bildet bis heute Ausnahmemusiker aus. Liszt pendelte zwischen Weimar, Rom und Budapest, verstand sich aber zeitlebens als Ungar – auch wenn er kaum Ungarisch sprach. Sein Geburtshaus im damals ungarischen Raiding ist heute ein Museum, und das Liszt-Ferenc-Gedenkmuseum in Budapest bewahrt seine letzten Instrumente und seine Bibliothek.

Was leisteten Bartók und Kodály?

Sie machten aus Volksmusik moderne Weltmusik. Um 1905 zogen Béla Bartók und Zoltán Kodály mit dem Phonographen über die Dörfer und nahmen Tausende von Bauernliedern auf – nicht nur in Ungarn, sondern auch bei Rumänen, Slowaken, Serben und sogar in der Türkei und Nordafrika. Damit begründeten sie die wissenschaftliche Vergleichende Musikforschung (Ethnomusikologie) als ernste Disziplin. Bartók verschmolz diese archaischen Melodien und ihre herben Tonleitern zu einer der bedeutendsten Tonsprachen des 20. Jahrhunderts – zu hören etwa in seinem „Konzert für Orchester“, den sechs Streichquartetten oder der Pantomime „Der wunderbare Mandarin“. 1940 emigrierte er vor dem Faschismus in die USA, wo er 1945 verarmt in New York starb.

Kodály konzentrierte sich stärker auf das genuin Ungarische. Sein Singspiel „Háry János“ mit der berühmten Orchestersuite und seine „Tänze aus Galánta“ gehören zum festen Konzertrepertoire. Vor allem aber entwickelte er die nach ihm benannte Kodály-Methode der Musikerziehung: Sie setzt auf das gemeinsame Singen von Volksliedern, relative Solmisation und Handzeichen und wird bis heute weltweit an Schulen und Musikhochschulen unterrichtet. In Ungarn führte sie dazu, dass Musik einen festen, prominenten Platz im Lehrplan erhielt – ein Erbe, das das Land bis heute prägt.

Gut zu wissen – Die korrekte Schreibung mit Akzenten lohnt die Mühe: Béla Bartók und Zoltán Kodály werden in Ungarn wie Nationalhelden verehrt; ihre Namen prägen Konzertsäle, Schulen und Straßen im ganzen Land. Der internationale Flughafen Budapests trägt seit 2011 den Namen Liszt Ferenc.

Wer komponierte die ungarische Hymne?

Ferenc Erkel – und er schuf zugleich die ungarische Nationaloper. Erkel (1810–1893) gewann 1844 einen Wettbewerb für die Vertonung von Ferenc Kölcseys Gedicht „Himnusz“; seine feierlich-getragene Melodie ist bis heute die offizielle Hymne Ungarns. Daneben gilt Erkel als Vater der ungarischsprachigen Oper. Seine Werke „Hunyadi László“ (1844) und vor allem „Bánk bán“ (1861) griffen nationale Stoffe aus der ungarischen Geschichte auf und verbanden italienische Operntradition mit ungarischen Tanzrhythmen wie dem Verbunkos. „Bánk bán“ mit der berühmten Arie „Hazám, hazám“ („Mein Vaterland“) zählt bis heute zu den meistgespielten Werken an der Budapester Oper.

Erkel war zudem der erste Chefdirigent der 1884 eröffneten Ungarischen Staatsoper und langjähriger Direktor der Musikakademie. Wie Liszt verkörpert er den Aufbruch des ungarischen Musiklebens im 19. Jahrhundert – die Zeit, in der das Land sich auch politisch und kulturell aus der Habsburger Vormundschaft löste. Wer den historischen Hintergrund vertiefen will, findet ihn in der eng verwandten ungarischen Literatur, deren Dichter wie Kölcsey und Petőfi die Texte vieler patriotischer Lieder lieferten.

Was ist der Csárdás – und die „Zigeunermusik“?

Der Csárdás ist der ungarische Nationaltanz, benannt nach der Csárda, der Landschenke. Charakteristisch ist der Wechsel vom langsamen, gefühlvollen lassú zum rasanten friss – ein Tempo-Kontrast, der auch Liszts Rhapsodien und den älteren Verbunkos-Werbetanz prägt. Gespielt wurde dieser Stil traditionell von Roma-Kapellen, deren virtuose Geiger- und Cimbalom-Ensembles das Bild der „ungarischen Musik“ im 19. Jahrhundert international prägten. Berühmte Primas-Geiger wie János Bihari galten als Stars ihrer Zeit, und der „Csárdás“ des Italieners Vittorio Monti machte den Tanz weltweit zum Inbegriff ungarischer Leidenschaft.

Wichtig ist die Unterscheidung: Diese städtische Café-Musik der Roma ist nicht identisch mit der bäuerlichen Volksmusik, die Bartók sammelte – sie ist virtuoser, harmonisch reicher und auf Publikumswirkung angelegt. Beide gehören aber untrennbar zur ungarischen Klangwelt. Bis heute spielen Roma-Kapellen in den traditionsreichen Restaurants Budapests, und die Roma-Kultur hat darüber hinaus eigene Lied- und Tanzformen hervorgebracht, die sich vom Café-Repertoire deutlich unterscheiden.

Welche Bedeutung hatte die Operette?

Budapest war neben Wien die Hauptstadt der goldenen Operette. Zwei ungarische Komponisten erreichten Weltruhm: Franz Lehár (Lehár Ferenc, 1870–1948) mit der „Lustigen Witwe“, einem der erfolgreichsten Bühnenwerke überhaupt, und Imre Kálmán (1882–1953) mit der „Csárdásfürstin“ und der „Gräfin Mariza“, die beide ungarische Csárdás-Rhythmen in die internationale Unterhaltungsmusik trugen. Auch Pongrác Kacsóh schuf mit „János vitéz“ einen ungarischen Klassiker des Genres.

Diese Werke entstanden um 1900 in der Blütezeit der Doppelmonarchie und stehen bis heute auf den Bühnen der Welt. In Budapest pflegt das prächtige Operettentheater (Budapesti Operettszínház) diese Tradition lebendig weiter und ist für Liebhaber des Genres ein Muss – nicht zuletzt, weil die Operetten hier in der Sprache und mit dem Temperament aufgeführt werden, aus denen sie hervorgegangen sind.

Wie klingt Ungarns Musik heute?

Vielfältig und international. In der Kunstmusik machten nach Bartók und Kodály Komponisten wie Ernst von Dohnányi und vor allem György Ligeti – dessen Klangflächen den Soundtrack von „2001: Odyssee im Weltraum“ prägten – das Land berühmt. Auch Péter Eötvös und György Kurtág zählen zu den führenden Stimmen der zeitgenössischen Klassik. Auf der Pop- und Rockseite haben Bands wie Omega und Locomotiv GT seit den 1970er-Jahren ganze Generationen geprägt, und in der Folk- und Weltmusik gewann die Sängerin Márta Sebestyén mit der Táncház-Bewegung internationale Bekanntheit.

Gleichzeitig hat sich Budapest zu einem Magneten der Festivalkultur entwickelt. Allen voran das Sziget-Festival („Insel der Freiheit“) auf der Óbudai-sziget in der Donau: eine Woche im August, hunderttausende Besucher aus aller Welt, hunderte internationale Acts von Pop und Rock über Elektro bis Weltmusik – eines der größten Musik- und Kulturfestivals Europas. Daneben locken das VOLT-Festival in Sopron, das Balaton Sound am Plattensee und das traditionsreiche Budapester Frühlingsfestival mit klassischen Konzerten. So spannt sich der Bogen vom archaischen Hirtenlied bis zum Headliner auf der Hauptbühne der Donauinsel.

Wo erlebt man klassische Musik und Festivals?

Am dichtesten in Budapest. Die prunkvolle Ungarische Staatsoper in der Andrássy út zählt zu den schönsten Opernhäusern Europas und bietet Erkel, Verdi und das große Repertoire. Der goldene Jugendstil-Saal der Liszt-Akademie ist akustisch wie optisch ein Erlebnis, und der moderne Palast der Künste (Müpa Budapest) mit dem Béla-Bartók-Nationalkonzertsaal bietet Weltklasse-Akustik für Orchester und Jazz. Für authentische Volksmusik lohnt der Besuch eines „Táncház“-Tanzhauses, etwa im Fonó Budai Zeneház, wo getanzt, musiziert und gesungen wird.

Ein guter Ausgangspunkt für die Planung sind die Programmkalender der großen Häuser; einen offiziellen Überblick über Konzerte und Termine bietet die Liszt-Ferenc-Musikakademie. Wer seinen Besuch organisiert, findet weitere Anregungen unter Budapest, einen Überblick über das Land in den Städten und Regionen Ungarns und vertiefende Hintergründe im Kultur-Überblick. Tickets für Oper und Müpa sollten Sie wegen der hohen Nachfrage früh buchen – gerade für Wochenendvorstellungen.

Häufige Fragen zur ungarischen Musik

Was ist der Unterschied zwischen Volksmusik und „Zigeunermusik“?

Die bäuerliche Volksmusik, die Bartók und Kodály in den Dörfern aufzeichneten, ist altertümlich, pentatonisch und schlicht. Die „Zigeunermusik“ der Roma-Kapellen ist dagegen eine virtuose, städtische Café-Musik des 19. Jahrhunderts mit reicherer Harmonik. Liszt hielt Letztere für typisch ungarisch, was die Forschung später korrigierte – beide Traditionen sind echt, aber verschieden.

War Franz Liszt Ungar oder Deutscher?

Liszt wurde 1811 im damals ungarischen Raiding (heute Burgenland, Österreich) geboren und verstand sich zeitlebens als Ungar, auch wenn seine Hauptsprachen Deutsch und Französisch waren. In Budapest gründete er die nach ihm benannte Musikakademie. Ungarn verehrt ihn als Nationalkomponisten, und der Budapester Flughafen trägt seinen Namen.

Wer hat die ungarische Nationalhymne komponiert?

Die Melodie der Hymne „Himnusz“ stammt von Ferenc Erkel, der 1844 einen Wettbewerb dafür gewann. Der Text ist ein Gedicht von Ferenc Kölcsey aus dem Jahr 1823. Erkel gilt zugleich als Begründer der ungarischsprachigen Nationaloper, etwa mit „Bánk bán“ und „Hunyadi László“.

Wann findet das Sziget-Festival statt?

Das Sziget-Festival läuft jährlich rund eine Woche im August auf der Óbuda-Insel in der Budapester Donau. Es zählt zu den größten Festivals Europas mit hunderten Acts von Pop und Rock bis zu Weltmusik und elektronischer Musik. Tickets und das genaue Datum sollten Sie frühzeitig prüfen, da die Veranstaltung schnell ausverkauft ist.