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Die ungarische Literatur ist reich und eigenständig: Von der romantischen Lyrik Sándor Petőfis über die Romane Mór Jókais und die moderne Dichtung Endre Adys bis zu Sándor Márai und dem Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (2002). Dieser Überblick führt durch Epochen, Schlüsselwerke und die bekanntesten Autoren Ungarns.

Wer Ungarn verstehen will, kommt an seiner Literatur nicht vorbei. In einer kleinen, isolierten Sprachinsel inmitten Europas wurde das geschriebene Wort über Jahrhunderte zum Träger nationaler Identität. Die Dichtung gilt vielen Ungarn bis heute als Herzstück ihrer ungarischen Kultur – Schriftsteller waren oft zugleich politische Stimmen und Volkshelden. Anders als in vielen Nachbarländern stand in Ungarn lange nicht der Roman, sondern das Gedicht im Mittelpunkt: Verse werden auswendig gelernt, im Schulunterricht gepflegt und bei nationalen Gedenktagen öffentlich rezitiert. Bis heute finden Sie Petőfi-Strophen an Denkmälern, in Schulbüchern und auf Plätzen – ein Hinweis darauf, wie tief Literatur und Selbstverständnis hier verwoben sind.

Wie begann die ungarische Literatur?

Die ältesten Sprachzeugnisse in ungarischer Volkssprache sind eine Totenrede (um 1200) und eine Marienklage (um 1300). Mit der Reformation im 16. Jahrhundert nahm das Schrifttum Fahrt auf: Es entstand eine ungarische Bibelübersetzung, und der Lyriker Bálint Balassi (1554–1594) gilt als erster großer Dichter des Landes. Im Barock schuf Miklós Zrínyi mit der „Belagerung von Szigetvár“ (1651) das ungarische Nationalepos. Den Anschluss an die westeuropäische Aufklärung brachte gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Sprachreformer Ferenc Kazinczy, der die moderne ungarische Schriftsprache mitprägte.

Diese Spracherneuerung war mehr als eine Stilfrage. Kazinczy und seine Mitstreiter mussten Tausende neuer Wörter prägen, um über Wissenschaft, Philosophie und Gefühle auf Ungarisch schreiben zu können – das Lateinische und Deutsche beherrschten bis dahin das öffentliche Leben. Erst diese bewusste Modernisierung des Wortschatzes machte eine eigenständige Nationalliteratur überhaupt möglich. Zugleich entstanden mit dem frühen 19. Jahrhundert literarische Salons, Zeitschriften und das Nationaltheater in Pest, das der Sprache eine Bühne gab. Die Literatur wurde damit von Anfang an als gemeinschaftliches, identitätsstiftendes Projekt verstanden.

Petőfi und Jókai – die Stimmen der Romantik

Das 19. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der ungarischen Romantik. Ihr strahlendster Name ist Sándor Petőfi (1823–1849), Nationaldichter und Revolutionär. Sein „Nemzeti dal“ (Nationallied) wurde zur Hymne der Revolution von 1848; Petőfi fiel mit nur 26 Jahren im Freiheitskampf und wurde so zur unsterblichen Legende. Seine Verse verbinden volksliedhafte Schlichtheit mit glühendem Freiheitspathos – Gedichte wie „Freiheit, Liebe“ sind bis heute Allgemeingut. Sein Weggefährte János Arany schuf mit der „Toldi“-Trilogie ein Meisterwerk der Erzähldichtung und gilt als der vielleicht größte Sprachkünstler unter den ungarischen Lyrikern.

In der Prosa dominierte Mór Jókai (1825–1904), der produktivste und populärste Romancier des Landes. In rund hundert Bänden entwarf er eine ganze Welt aus Helden, Abenteurern und Romantik; seine farbenprächtigen historischen Romane wie „Ein Goldmensch“ und „Die Söhne des Mannes mit dem steinernen Herzen“ prägten das Geschichtsbild ganzer Generationen. Imre Madách wiederum schuf mit der „Tragödie des Menschen“ (1862) ein gewaltiges geschichtsphilosophisches Drama, das den Menschen durch alle Epochen der Weltgeschichte begleitet und bis heute auf den Bühnen steht. Diese Epoche fällt in eine bewegte Phase der ungarischen Geschichte.

Bemerkenswert ist, wie eng Literatur und Nationsbildung in dieser Zeit verschmolzen. Während andere Völker bereits gefestigte Nationalstaaten besaßen, definierte sich Ungarn unter habsburgischer Herrschaft maßgeblich über seine Sprache und Dichtung. Dichter wurden zu öffentlichen Gewissen, ihre Verse zu Losungen der Freiheitsbewegung. Diese besondere Stellung der Schriftsteller als moralische Instanz sollte die ungarische Literatur bis weit ins 20. Jahrhundert prägen.

Wer ist Ungarns Nationaldichter?

Ungarns Nationaldichter ist Sándor Petőfi. Kein anderer Name verkörpert so vollständig die Verschmelzung von Dichtung und Freiheitskampf. Am 15. März 1848 trug Petőfi sein eben erst geschriebenes „Nemzeti dal“ von den Stufen des Nationalmuseums in Pest der Menge vor – der Refrain „Bei Ungarns Gott schwören wir, dass wir nie mehr Sklaven sein wollen“ wurde zum Schlachtruf der Revolution. Aus dem Drucker selbst, der das Gedicht ohne Zensurfreigabe vervielfältigte, wurde ein Symbol der Pressefreiheit.

Petőfi stammte aus einfachen Verhältnissen, schlug sich als Wanderschauspieler und Soldat durch und schuf in nur wenigen Jahren ein Werk von erstaunlicher Bandbreite – von zarter Liebeslyrik über Naturgedichte bis zu kämpferischen Freiheitshymnen. Sein Verschwinden in der Schlacht von Segesvár 1849, mit gerade einmal 26 Jahren, machte ihn zur unsterblichen Legende. Der 15. März, an dem sein Nationallied erklang, ist bis heute ungarischer Nationalfeiertag. Petőfi steht damit in einer Reihe mit anderen prägenden Gestalten unter Ungarns berühmten Persönlichkeiten, deren Wirkung weit über ihr Fachgebiet hinausreicht.

Die Moderne: Ady und der Kreis um „Nyugat“

Um 1900 brach eine neue Generation mit der konventionellen Schriftstellerei. Im Zentrum stand die Zeitschrift „Nyugat“ (Der Westen), die Ungarns Literatur an die europäische Moderne anschloss. Ihr radikalster Erneuerer war der Lyriker Endre Ady (1877–1919), dessen sinnliche, symbolistische Gedichte die Sprache revolutionierten und gegen die provinzielle Enge seiner Heimat aufbegehrten. Um ihn versammelten sich der gelehrte Dichter und Übersetzer Mihály Babits, der elegante Erzähler und Lyriker Dezső Kosztolányi (dessen Roman „Anna Édes“ als Klassiker gilt) und der naturalistische Erzähler Zsigmond Móricz.

Zur Nyugat-Welt gehörte auch Frigyes Karinthy (1887–1938), ein brillanter Humorist und Satiriker, dessen Schulgeschichten und literarische Parodien Generationen prägten – auf ihn geht zudem die berühmte Idee der „sechs Handschläge“ zurück, die das Konzept der kleinen Welt vorwegnahm. International bekannt wurden zudem die Dramen Ferenc Molnárs, dessen Jugendroman „Die Jungen der Paulstraße“ zum Weltklassiker wurde. Eine Sonderstellung nimmt Attila József (1905–1937) ein: einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, dessen Gedichte soziale Not, Großstadt und seelisches Leid in dichte, moderne Bilder fassten; sein früher Freitod machte ihn zur tragischen Symbolfigur. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Trauma des Vertrags von Trianon, der Ungarn zwei Drittel seines Gebiets kostete, wurde die Literatur auch zum Ort der Trauer und Selbstvergewisserung – ein Thema, das viele Werke der Zwischenkriegszeit durchzieht.

Sándor Márai und Imre Kertész

Das 20. Jahrhundert mit seinen Diktaturen prägte zwei der heute bekanntesten Autoren. Sándor Márai (1900–1989), bürgerlicher Romancier von europäischem Rang, verließ das kommunistische Ungarn und starb im Exil in San Diego. Seine „Bekenntnisse eines Bürgers“ zeichnen den Untergang der altösterreichisch-ungarischen Bürgerwelt nach; sein schmaler Roman „Die Glut“ – das Wiedersehen zweier alter Freunde nach jahrzehntelangem Schweigen – wurde Jahrzehnte nach seiner Entstehung zum internationalen Bestseller und machte Márai posthum weltberühmt. Zur selben Generation gehört Magda Szabó (1917–2007), deren Romane „Die Tür“ (über das spannungsreiche Verhältnis zwischen einer Schriftstellerin und ihrer Haushälterin) und der Jugendklassiker „Abigél“ zu den meistgelesenen ungarischen Büchern im Ausland zählen.

Den Gipfel der weltweiten Anerkennung erreichte Imre Kertész: 2002 erhielt er als erster Ungar den Literaturnobelpreis – „für ein schriftstellerisches Werk, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet“. Kertész, selbst Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, schildert in seinem Hauptwerk „Roman eines Schicksallosen“ die Lager aus der nüchternen, fast distanzierten Sicht eines fünfzehnjährigen Jungen – eine Erzählweise, die das Grauen umso eindringlicher macht. Die Auszeichnung ist auf der offiziellen Seite des Nobelpreis-Komitees dokumentiert.

Lesetipp – Wer ungarische Literatur kennenlernen möchte, beginnt am besten mit Márais „Die Glut“, Kertész‘ „Roman eines Schicksallosen“, Magda Szabós „Die Tür“ und einer Petőfi-Gedichtauswahl – alle in guten deutschen Übersetzungen erhältlich.

Welche ungarischen Autoren sind international bekannt?

International am bekanntesten sind heute Imre Kertész (Literaturnobelpreis 2002), Sándor Márai, Magda Szabó und László Krasznahorkai. Krasznahorkai erhielt 2015 den International Booker Prize für sein Gesamtwerk; seine langen, sogartigen Sätze und düster-visionären Romane wie „Satanstango“ gelten als eigene literarische Sprache. Verfilmungen durch den Regisseur Béla Tarr trugen seinen Ruhm zusätzlich in die Welt.

Hinzu kommen Péter Esterházy (1950–2016), Spross der berühmten Adelsfamilie und einer der einflussreichsten Erzähler der Gegenwart, dessen sprachverspielte, ironische Prosa („Harmonia Caelestis“) die Familiengeschichte mit der Landesgeschichte verschränkt, sowie Péter Nádas, dessen monumentale Romane wie „Buch der Erinnerung“ und „Parallelgeschichten“ als Höhepunkte der europäischen Erzählkunst gelten. Auch jüngere Stimmen wie Krisztina Tóth oder György Dragomán werden zunehmend übersetzt. Viele dieser Autoren sind eng mit dem literarischen Leben in Budapest verbunden, das mit Verlagen, Literaturhäusern und Cafés bis heute das Zentrum der ungarischen Schriftkultur bildet.

Welche ungarischen Werke sollte man gelesen haben?

Für den Einstieg empfehlen sich vier Werke, die unterschiedliche Epochen abdecken: „Die Glut“ von Sándor Márai als melancholisches Meisterwerk über Freundschaft und Verrat, der „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész als nobelpreisgekrönte Holocaust-Literatur, „Die Tür“ von Magda Szabó als psychologisch dichter Gegenwartsroman und eine Gedichtauswahl Sándor Petőfis, um die lyrische Seele der ungarischen Literatur zu spüren.

Wer tiefer einsteigen möchte, greift zu Dezső Kosztolányis „Anna Édes“, zu Ferenc Molnárs zeitlosem Jugendroman „Die Jungen der Paulstraße“ oder zu Krasznahorkais „Satanstango“. Klassiker wie Jókais „Ein Goldmensch“ und Madáchs „Tragödie des Menschen“ lohnen für alle, die das 19. Jahrhundert verstehen wollen. Fast alle genannten Titel liegen in soliden deutschen Übersetzungen vor – ein Glücksfall, denn die ungarische Sprache stellt Übersetzer vor besondere Herausforderungen.

Warum ist Ungarisch eine Besonderheit für die Literatur?

Das Ungarische gehört nicht zu den indogermanischen Sprachen, sondern bildet mit dem Finnischen und Estnischen die finno-ugrische Familie. Es ist damit mit keiner Nachbarsprache verwandt und besitzt einen völlig eigenen Wortschatz, eine reiche Vokalharmonie und ein agglutinierendes System, das Bedeutungen durch angehängte Silben aufbaut. Für die Dichtung ist das ein Reichtum: feste Betonung, klangvolle Endungen und eine ungewöhnliche Wortbildung eröffnen lyrische Möglichkeiten, die in Übersetzungen oft nur angedeutet werden können.

Genau hier liegt die größte Hürde – und der Grund, warum vieles erst spät international wirkte. Reim, Rhythmus und Wortspiel ungarischer Verse lassen sich kaum verlustfrei übertragen, weshalb die Lyrik im Ausland weniger bekannt ist als die Prosa. Engagierte Übersetzer haben dennoch viel erschlossen, und Ereignisse wie die Budapester Buchwoche (Ünnepi Könyvhét), das traditionsreiche Buchfestival auf den Plätzen der Hauptstadt, oder Ungarns Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse 1999 haben den Brückenschlag zur Weltliteratur befördert. Weitere Hintergründe zu Bräuchen, Festen und Alltag finden Sie unter Land und Leute.

Wie lebendig ist Ungarns Literatur heute?

Seit dem Ende des kommunistischen Regimes Anfang der 1990er Jahre erlebt die ungarische Literatur einen bemerkenswerten Aufschwung. 1999 war Ungarn Gastland der Frankfurter Buchmesse, was internationale Verlage auf zeitgenössische Autoren aufmerksam machte. Zu den weltweit übersetzten Stimmen der Gegenwart zählen Péter Esterházy mit seiner sprachverspielten Prosa, der mit dem International Booker Prize ausgezeichnete László Krasznahorkai sowie Péter Nádas, dessen monumentale Romane als Höhepunkte der europäischen Erzählkunst gelten. Eine lebendige Szene aus jüngeren Erzählerinnen und Lyrikern, unabhängigen Verlagen und Literaturfestivals sorgt dafür, dass die Tradition nicht erstarrt, sondern sich ständig erneuert.

Damit knüpft das Land an seine große literarische Tradition an. Literatur bleibt in Ungarn keine Nische, sondern Teil des öffentlichen Lebens – eng verwoben mit Theater, Film und der reichen ungarischen Musik. Wer auf einer Reise durch die Städte und Regionen des Landes unterwegs ist, stößt vielerorts auf Dichterdenkmäler, Geburtshäuser und Literaturpfade, die zeigen, wie selbstverständlich Ungarn seine Schriftsteller bis heute ehrt.

Häufige Fragen zur ungarischen Literatur

Wer hat den Literaturnobelpreis für Ungarn gewonnen?

Imre Kertész erhielt 2002 als erster und bislang einziger Ungar den Nobelpreis für Literatur. Geehrt wurde sein vom Holocaust geprägtes Werk, allen voran der „Roman eines Schicksallosen“.

Wer ist der Nationaldichter Ungarns?

Sándor Petőfi gilt als Nationaldichter. Sein „Nationallied“ entfachte die Revolution von 1848; sein früher Tod im Freiheitskampf machte ihn zur literarischen Legende des Landes. Der 15. März, an dem sein Gedicht erklang, ist bis heute Nationalfeiertag.

Welche ungarischen Bücher sind auf Deutsch erhältlich?

Viele Klassiker und moderne Werke liegen in deutscher Übersetzung vor, darunter Sándor Márais „Die Glut“, Magda Szabós „Die Tür“, Imre Kertész‘ „Roman eines Schicksallosen“ sowie Romane von Péter Esterházy, László Krasznahorkai und Péter Nádas.

Womit sollte man die ungarische Literatur am besten beginnen?

Ein guter Einstieg sind Márais „Die Glut“, Magda Szabós „Die Tür“ und Kertész‘ „Roman eines Schicksallosen“. Für die Lyrik lohnt eine Petőfi-Gedichtauswahl, die den volksnahen, freiheitlichen Ton der ungarischen Dichtung vermittelt.