Kein Jahrhundert hat Ungarn so tiefe Narben geschlagen wie das zwanzigste. Aus einer Hälfte der mächtigen Doppelmonarchie wurde ein kleiner, oft fremdbestimmter Staat – zerrissen zwischen Gebietsverlust, Diktatur und dem unbeugsamen Wunsch nach Freiheit. Wie die glanzvolle Epoche davor endete, schildert die Seite zum 16. bis 19. Jahrhundert. Die folgende Darstellung führt Sie chronologisch durch die entscheidenden Wendepunkte, von der Auflösung Österreich-Ungarns bis zur Rückkehr des Landes in die europäische Staatengemeinschaft.
Wie endete die Donaumonarchie?
Das Jahrhundert begann für Ungarn noch als gleichberechtigte Hälfte der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die seit dem Ausgleich von 1867 bestand. Diese Großmacht zerbrach im Ersten Weltkrieg. Ungarn hatte ab 1914 an der Seite Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches gekämpft; Hunderttausende ungarische Soldaten fielen an den Fronten in Galizien, am Isonzo und auf dem Balkan. Mit der militärischen Niederlage 1918 löste sich die Monarchie auf. In Budapest brachte die sogenannte Asternrevolution Ende Oktober 1918 den liberalen Grafen Mihály Károlyi an die Macht; am 16. November 1918 wurde die unabhängige Ungarische Republik ausgerufen. Die kurze demokratische Phase scheiterte jedoch rasch an der wirtschaftlichen Not und am Vordringen der Nachbararmeen.
Im März 1919 übernahmen Kommunisten unter Béla Kun die Macht und riefen die Ungarische Räterepublik aus – eine der ersten kommunistischen Regierungen Europas nach Russland. Sie verstaatlichte Betriebe und Großgrundbesitz, ging mit dem „Roten Terror“ gegen Gegner vor und versuchte, die abtrünnigen Gebiete militärisch zu halten. Nach nur 133 Tagen brach das Regime im August 1919 zusammen, als rumänische Truppen bis nach Budapest vordrangen. Auf die kurze Räterepublik folgte eine Phase des „Weißen Terrors“, und das Land trat tief gespalten in die Friedensverhandlungen ein – mit Folgen, die bis heute nachwirken. Wer den Bogen über die Jahrhunderte spannen möchte, findet im Geschichte-Hub alle Epochen im Überblick.
Was bedeutete der Vertrag von Trianon?
Der Vertrag von Trianon, unterzeichnet am 4. Juni 1920 im Schloss Trianon bei Versailles, ist das zentrale Trauma der modernen ungarischen Geschichte. Als einer der Pariser Vorortverträge beendete er für Ungarn den Ersten Weltkrieg – zu einem furchtbaren Preis: Das Königreich verlor rund zwei Drittel seines Staatsgebiets und etwa drei Fünftel seiner Bevölkerung an die Nachbarstaaten Rumänien, die Tschechoslowakei, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen sowie Österreich. Über drei Millionen Ungarn lebten fortan jenseits der neuen Grenzen.
Besonders schmerzhaft empfand man, dass große, mehrheitlich von Magyaren bewohnte Gebiete abgetrennt wurden, etwa Teile des Banats, der Slowakei und vor allem Siebenbürgens, das an Rumänien fiel. Ganze Industrieregionen, Bergwerke und Eisenbahnknoten lagen nun im Ausland, was die Wirtschaft des Reststaates schwer belastete. Der Wunsch nach Revision dieser Grenzen prägte die gesamte Zwischenkriegszeit und bestimmte die Außenpolitik. Bis heute ist „Trianon“ ein hochemotionaler Begriff; der 4. Juni wird in Ungarn als „Tag der nationalen Zusammengehörigkeit“ begangen, der an die Ungarn in den Nachbarländern erinnert. Wie tief der Verlust auch das kulturelle Selbstverständnis berührte, lässt sich in der ungarischen Kultur und ihren Traditionen bis heute spüren.
Wie erlebte Ungarn die Weltkriege?
Nach Trianon regierte Reichsverweser Miklós Horthy ein autoritär geführtes Königreich ohne König. Horthy, ein ehemaliger Admiral der k. u. k. Kriegsmarine, stand fast ein Vierteljahrhundert an der Spitze des Staates. Der Wunsch, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, trieb Ungarn in den 1930er-Jahren an die Seite Hitler-Deutschlands und des faschistischen Italien. Tatsächlich gewann das Land durch die von Deutschland und Italien vermittelten „Wiener Schiedssprüche“ 1938 und 1940 vorübergehend Teile der Slowakei und Siebenbürgens zurück – ein Erfolg, der Ungarn zugleich immer enger an die Achsenmächte band.
Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Ungarn auf deutscher Seite, mit verheerenden Folgen: Die ungarische Zweite Armee wurde im Winter 1942/43 am Don aufgerieben, wobei Zehntausende Soldaten ums Leben kamen. Als Horthy 1944 einen Waffenstillstand mit den Alliierten suchte, besetzte die Wehrmacht das Land und setzte schließlich die faschistischen Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi ein, die ein Terrorregime errichteten. 1945 endete der Krieg mit der sowjetischen Eroberung des Landes; die Belagerung Budapests im Winter 1944/45 zählte zu den verlustreichsten Stadtschlachten des Krieges und zerstörte weite Teile der Hauptstadt Budapest, einschließlich aller Donaubrücken.
Was geschah beim Holocaust in Ungarn 1944?
Die deutsche Besetzung im März 1944 leitete eines der dunkelsten Kapitel der ungarischen Geschichte ein. Bis dahin hatte die jüdische Bevölkerung trotz antisemitischer Gesetze überlebt; nun organisierte ein SS-Kommando unter Adolf Eichmann gemeinsam mit ungarischen Behörden die Deportationen. In nur wenigen Wochen zwischen Mai und Juli 1944 wurden rund 437.000 ungarische Jüdinnen und Juden aus der Provinz in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. Es war eine der schnellsten und umfassendsten Deportationsaktionen des gesamten Holocaust.
In Budapest selbst überlebten mehr Menschen, auch dank des Einsatzes von Diplomaten wie dem Schweden Raoul Wallenberg, der Tausenden Schutzpässe ausstellte. Dennoch trieben die Pfeilkreuzler ab November 1944 die verbliebenen Juden in ein abgesperrtes Ghetto und verübten Massenerschießungen am Donauufer. An die Opfer dieser Verbrechen erinnert heute das stille Mahnmal Schuhe am Donauufer. Die sowjetische Befreiung Budapests im Januar und Februar 1945 beendete den Terror, doch der Verlust von mehreren Hunderttausend Menschen blieb eine bis heute spürbare Wunde im Land.
Warum war der Volksaufstand 1956 so bedeutend?
Nach dem Krieg geriet Ungarn in den sowjetischen Machtbereich; eine stalinistische Diktatur unter Mátyás Rákosi unterdrückte jeden Widerspruch. Verstaatlichungen, Schauprozesse und der allgegenwärtige Geheimdienst ÁVH prägten den Alltag, während die Lebensbedingungen sich kaum besserten. Am 23. Oktober 1956 erhob sich das Volk: Aus einer Studentendemonstration in Budapest wurde binnen Stunden ein landesweiter Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft und die sowjetische Besatzung. Ministerpräsident Imre Nagy verkündete den Austritt aus dem Warschauer Pakt und freie Wahlen.
Doch am 4. November rollten sowjetische Panzer in Budapest ein und schlugen den Aufstand blutig nieder. In tagelangen Straßenkämpfen leisteten Aufständische verzweifelten Widerstand, ehe die Übermacht obsiegte. Tausende starben, rund 200.000 Ungarn flohen ins Ausland, viele über die offene Grenze nach Österreich. Imre Nagy wurde 1958 nach einem Geheimprozess hingerichtet. Der Aufstand von 1956 gilt bis heute als Sternstunde des ungarischen Freiheitswillens und brachte zahlreiche mutige Persönlichkeiten hervor, von denen einige in der Übersicht berühmte Persönlichkeiten Ungarns gewürdigt werden.
Was kennzeichnete die Kádár-Ära?
Nach 1956 übernahm János Kádár die Macht, eingesetzt von Moskau. Auf die anfängliche Repression mit Hinrichtungen und Massenverhaftungen folgte ab den 1960er-Jahren ein eigener Weg, der als „Gulaschkommunismus“ bekannt wurde. Kádár versuchte, das Alltagsleben innerhalb des sowjetischen Systems so erträglich wie möglich zu machen: begrenzte Marktelemente durch den „Neuen Wirtschaftsmechanismus“ von 1968, ein höherer Lebensstandard als in anderen Ostblockstaaten und gewisse Reisefreiheiten. Der unausgesprochene Gesellschaftsvertrag lautete, dass die Bürger politische Loyalität gegen relativen Wohlstand und Ruhe eintauschten.
Der Preis war Schweigen – über 1956 durfte öffentlich nicht gesprochen werden. Ungarn galt als „fröhlichste Baracke im sozialistischen Lager“, doch die wirtschaftlichen Probleme und die ungelöste Vergangenheit blieben. Gegenüber anderen Ostblockstaaten waren Konsumgüter besser verfügbar, kleine Privatbetriebe wurden geduldet, und manche Bürger durften sogar in den Westen reisen. Diese relative Offenheit hatte ihren Preis: eine wachsende Auslandsverschuldung, die das Land in den 1980er-Jahren zunehmend belastete und den Boden für den späteren Umbruch bereitete. Die Lebensart dieser Jahrzehnte prägte die Mentalität vieler Ungarn, über die Sie mehr unter Land und Leute erfahren.
Wie kam Ungarn zur Demokratie?
Ende der 1980er-Jahre wurde Ungarn zum Vorreiter des Umbruchs im Ostblock. Reformkräfte innerhalb der Partei lösten den greisen Kádár 1988 ab und gaben den Weg für tiefgreifende Veränderungen frei. 1989 begann das Land, den Eisernen Vorhang an der Grenze zu Österreich abzubauen. Beim „Paneuropäischen Picknick“ bei Sopron am 19. August 1989 wurde ein Grenztor symbolisch geöffnet, und Hunderte DDR-Bürger flohen in den Westen – ein wichtiger Schritt zum Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer. Mit dieser Grenzöffnung leistete Ungarn einen oft gewürdigten Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung.
Ein Bündnis aus Reformkommunisten und Opposition führte am Runden Tisch den friedlichen Systemwechsel von der Diktatur zur Demokratie herbei. Am 23. Oktober 1989, dem Jahrestag des Aufstands von 1956, wurde die Dritte Ungarische Republik ausgerufen. 1990 fanden die ersten freien Wahlen statt, aus denen József Antall als erster frei gewählter Ministerpräsident hervorging. Damit endete mehr als vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft. Die bewegte Geschichte dieser Epoche ist Teil der langen ungarischen Geschichte, die der Geschichte-Hub in allen Facetten beleuchtet.
Wie kehrte Ungarn nach Europa zurück?
Nach dem Systemwechsel suchte Ungarn rasch den Anschluss an die westlichen Bündnisse. Am 12. März 1999 trat das Land gemeinsam mit Polen und der Tschechischen Republik der NATO bei – die erste Erweiterung des Bündnisses um ehemalige Mitglieder des Warschauer Pakts. Dieser Schritt verankerte Ungarn sicherheitspolitisch fest im Westen, nur ein Jahrzehnt nach dem Abzug der sowjetischen Truppen.
Den vorläufigen Abschluss der Rückkehr nach Europa bildete der Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai 2004, dem ein Referendum mit klarer Zustimmung vorausgegangen war. Ungarn gehörte damit zu den zehn überwiegend mittel- und osteuropäischen Staaten der großen EU-Erweiterung. Auch wenn diese Ereignisse bereits in das 21. Jahrhundert hineinreichen, bilden sie den logischen Schlusspunkt der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Aus dem zerrissenen Trianon-Staat war wieder ein souveränes, demokratisches und europäisch eingebundenes Land geworden. Die Schauplätze dieser Geschichte lassen sich besonders eindrucksvoll in der Hauptstadt Budapest erkunden.
Häufige Fragen zum 20. Jahrhundert
Was war der Vertrag von Trianon?
Der am 4. Juni 1920 unterzeichnete Vertrag von Trianon beendete für Ungarn den Ersten Weltkrieg. Das Land verlor rund zwei Drittel seines Gebiets und etwa drei Fünftel seiner Bevölkerung an die Nachbarstaaten. Über drei Millionen Magyaren lebten fortan jenseits der neuen Grenzen. Trianon gilt bis heute als nationales Trauma.
Was geschah beim Volksaufstand 1956?
Am 23. Oktober 1956 erhob sich das ungarische Volk gegen die kommunistische Herrschaft und die sowjetische Besatzung. Der Aufstand wurde ab dem 4. November von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen; Tausende starben, rund 200.000 Menschen flohen. Ministerpräsident Imre Nagy wurde 1958 hingerichtet.
Welche Rolle spielte Ungarn 1989 beim Fall des Eisernen Vorhangs?
Ungarn baute 1989 als erstes Ostblockland den Eisernen Vorhang an seiner Westgrenze ab. Beim Paneuropäischen Picknick bei Sopron flohen im August 1989 Hunderte DDR-Bürger nach Österreich. Diese Grenzöffnung trug wesentlich zum Fall der Berliner Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung bei.
Wann trat Ungarn NATO und EU bei?
Ungarn trat am 12. März 1999 der NATO bei und wurde am 1. Mai 2004 Mitglied der Europäischen Union. Vorausgegangen waren die friedliche Wende von 1989 und die ersten freien Wahlen 1990, mit denen das Land von der Diktatur zur Demokratie überging.