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Geschichte

Vorzeit bis 11. Jahrhundert

Lange vor der Landnahme war das Karpatenbecken besiedelt: Kelten, römische Legionäre in der Provinz Pannonien, dann Hunnen und Awaren. Um 895/896 zogen sieben Magyarenstämme unter Großfürst Árpád ein. Aus dem Reitervolk wurde unter Fürst Géza und seinem Sohn Stephan I. ein christliches Königreich – gekrönt um die Jahreswende 1000/1001.

Wer Ungarn verstehen will, beginnt am besten bei seinen Wurzeln. Die ungarische Geschichte als eigenständige Nation ist über tausend Jahre alt, doch das Karpatenbecken selbst war schon Jahrtausende vorher besiedelt. Auf dem fruchtbaren Boden der pannonischen Tiefebene lösten sich Kelten, Römer, Hunnen und Awaren ab, ehe die Magyaren kamen und blieben. Die ersten Jahrhunderte ungarischer Eigengeschichte entscheiden bereits über alles Spätere: Aus einem nomadischen Reitervolk aus den eurasischen Steppen wurde ein fest verwurzeltes, christliches Königreich im Herzen Europas. Diese Wandlung ist der Auftakt zur gesamten Geschichte Ungarns.

Wer lebte vor den Römern im Karpatenbecken?

Das Gebiet des heutigen Ungarn war lange vor jeder schriftlichen Überlieferung bewohnt. In der Eisenzeit, etwa ab dem 4. Jahrhundert vor Christus, siedelten hier keltische Stämme. Im Raum des späteren Budapest lebte der keltische Stamm der Eravisker, der auf dem Gellértberg über der Donau eine befestigte Höhensiedlung (ein sogenanntes Oppidum) anlegte. Die Kelten betrieben Ackerbau, Viehzucht und ein erstaunlich entwickeltes Handwerk; sie schlugen eigene Münzen und nutzten die warmen Quellen am Donauufer. Der Name, den sie der Gegend gaben, soll auf das reiche Wasservorkommen verwiesen haben – ein Hinweis auf die Thermalquellen, für die das heutige Budapest bis heute berühmt ist. Diese keltische Bevölkerung wurde später nicht vertrieben, sondern weitgehend in die römische Welt eingegliedert.

Was war die römische Provinz Pannonien?

Um die Zeitenwende stieß das Römische Reich bis an die Donau vor und machte den Strom zur befestigten Nordgrenze, dem Donaulimes. Das Land westlich und südlich der Donau wurde als Provinz Pannonien (lateinisch Pannonia) in das Reich eingegliedert; es umfasste den Westen des heutigen Ungarn sowie Teile der Nachbarländer. Die Donau bildete die Grenze zur „Barbaren“-Welt im Osten und Norden, gesichert durch eine Kette von Kastellen und Wachtürmen.

Bedeutendstes Zentrum war Aquincum auf dem Boden des heutigen Budapester Stadtteils Óbuda. Aus einem Legionslager entstand eine blühende Römerstadt mit Amphitheatern, Bädern, einem Aquädukt und gepflasterten Straßen. Kaiser Trajan machte Aquincum 106 nach Christus zur Hauptstadt der neu gebildeten Provinz Niederpannonien (Pannonia Inferior). Zu ihren Statthaltern zählte der spätere Kaiser Hadrian. Auf ihrem Höhepunkt im 2. Jahrhundert zählte die Stadt mehrere zehntausend Einwohner. Noch heute lassen sich in Óbuda Reste des Amphitheaters und der Stadtanlage besichtigen – sichtbare Zeugnisse dafür, dass römische Kultur, Verwaltung und Handel hier rund vier Jahrhunderte lang den Alltag prägten. Mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches verlor Rom im 4. und frühen 5. Jahrhundert die Kontrolle über Pannonien.

Wer kam in der Völkerwanderung ins Land?

Mit dem Rückzug Roms begann die unruhige Epoche der Völkerwanderung. Im 5. Jahrhundert errichteten die Hunnen unter ihrem König Attila im Karpatenbecken den Mittelpunkt eines kurzlebigen Steppenreichs, das auf seinem Höhepunkt weite Teile Mitteleuropas in Schrecken versetzte. Nach Attilas Tod um 453 zerfiel dieses Reich rasch wieder. In den folgenden Jahrzehnten zogen verschiedene germanische Verbände durch die Region – darunter Goten, Langobarden und Gepiden, die entlang der Theiß ein eigenes Reich aufbauten.

Im Jahr 568 erreichten die Awaren, ein weiteres Reitervolk aus den asiatischen Steppen, das Karpatenbecken. Sie beherrschten den Raum über zwei Jahrhunderte und unterwarfen die ansässige, zunehmend slawisch geprägte Bevölkerung. Erst um 800 wurde das Awarenreich von Karl dem Großen und seinen fränkischen Truppen zerschlagen. Damit war das Karpatenbecken politisch zersplittert, als am Ende des 9. Jahrhunderts die Magyaren erschienen – die Hunnen, Awaren und Magyaren bildeten gewissermaßen drei aufeinanderfolgende Wellen von Steppenreitern, von denen erst die letzte dauerhaft Bestand hatte.

Wer waren die Magyaren und wann kamen sie?

Die Magyaren waren ein finno-ugrisches Reitervolk, das aus dem Osten – aus den Steppengebieten nördlich des Schwarzen Meeres – in das Karpatenbecken einwanderte. Um das Jahr 895/896 vollzog sich unter ihrem Großfürsten Árpád die sogenannte Landnahme (ungarisch honfoglalás): die dauerhafte Besiedlung der pannonischen Tiefebene. Das Jahr 896 gilt bis heute als symbolisches Gründungsdatum Ungarns. Die berittenen Krieger der Magyaren unternahmen in den folgenden Jahrzehnten weite Raubzüge bis nach Deutschland, Italien und Frankreich – bis sie 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg durch König Otto I. entscheidend geschlagen wurden. Diese Niederlage zwang die Magyaren zum Umdenken: vom Plündern zur Ansiedlung, vom Heidentum zur Hinwendung an das christliche Europa. So wurde ausgerechnet eine militärische Katastrophe zum Wendepunkt, der das spätere Königreich erst möglich machte.

Wie war das Volk der Magyaren organisiert?

Die Magyaren bestanden ursprünglich aus sieben Stämmen, die sich vor der Landnahme zu einem Bündnis zusammengeschlossen hatten. An ihre Spitze trat Árpád, der die Stämme von etwa 890 an einte und als erster ungarischer Großfürst gilt. Er starb um 907. Nach ihm benannte sich die Árpáden-Dynastie, die Ungarn bis 1301 regieren sollte. Die Stammesgesellschaft war kriegerisch und beweglich, doch mit der Sesshaftwerdung im fruchtbaren Karpatenbecken wandelte sie sich allmählich zu einer agrarisch geprägten Gesellschaft mit festen Siedlungen. Diese Grundlage ermöglichte erst die spätere Staatsbildung.

Die genaue Herkunft der Magyaren beschäftigt die Forschung bis heute. Ihre Sprache, das Ungarische, gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie und ist mit dem Finnischen und Estnischen entfernt verwandt – ein sprachliches Erbe, das Ungarn bis heute von fast allen Nachbarn unterscheidet und das die Sprache und Identität des Landes bis in die Gegenwart prägt. Über Jahrhunderte zogen die Stämme durch die Steppen, ehe sie im Karpatenbecken eine dauerhafte Heimat fanden. Die fruchtbare pannonische Tiefebene mit ihren Flüssen und Weiden bot ideale Bedingungen für ein Reitervolk, das Pferdezucht und Ackerbau verband. Mehr über Sprache, Mentalität und Alltag der Ungarn erfahren Sie im Bereich Land und Leute.

Welche Rolle spielte Fürst Géza?

Der entscheidende Schritt zur Westbindung gelang Großfürst Géza, der etwa von 970 bis 997 regierte. Géza erkannte, dass die ständigen Beutezüge die Großmächte Europas auf den Plan riefen und die Existenz des jungen Magyarenreichs bedrohten. Er beendete die Raubzüge und öffnete sein Land dem Christentum. 973 schloss er auf dem Hoftag von Quedlinburg Frieden mit dem ostfränkisch-deutschen Reich und ließ sich – zumindest formell – taufen. Géza holte Missionare ins Land und arrangierte für seinen Sohn die Ehe mit Gisela von Bayern, einer Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. Damit bereitete er den Boden für die eigentliche Staatsgründung, die sein Sohn vollenden sollte.

Wie wurde Stephan I. zum Staatsgründer?

Gézas Sohn Vajk nahm bei seiner Taufe den Namen Stephan (ungarisch István) an und wurde zur Schlüsselfigur der ungarischen Geschichte. Um die Jahreswende 1000/1001 ließ er sich mit einer von Papst Silvester II. gesandten Krone zum König krönen – der Überlieferung nach der Ursprung der berühmten Stephanskrone, bis heute Nationalsymbol Ungarns. Stephan I. festigte das Reich mit eiserner Hand: Er schlug Aufstände heidnischer Stammesführer nieder, gliederte das Land in Komitate (lateinisch comitatus) als königliche Verwaltungseinheiten, gründete Bistümer und Klöster und machte das Christentum zur Staatsreligion. Aus dem Stammesbündnis wurde so ein zentral verwalteter christlicher Staat nach europäischem Vorbild. 1083 wurde Stephan heiliggesprochen; als Heiliger Stephan gilt er als Gründervater der Nation. Der 20. August, sein Festtag, ist bis heute ungarischer Nationalfeiertag. Stephan I. zählt damit zu den prägendsten berühmten Persönlichkeiten der ungarischen Geschichte.

Gut zu wissen – Die Stephanskrone ist mehr als ein Schmuckstück: Sie verkörpert die ungarische Staatlichkeit selbst. Heute wird sie in der Kuppelhalle des Parlaments in Budapest aufbewahrt und ist eines der meistbesuchten Ausstellungsstücke des Landes.

Was bedeutet diese Epoche für Ungarn heute?

Die Jahrhunderte von der Landnahme bis zur Krönung Stephans I. legten das Fundament für alles, was folgte. Ungarn wurde Teil des lateinisch-christlichen Abendlands statt der byzantinisch-orthodoxen oder islamischen Welt – eine Weichenstellung, die bis heute nachwirkt. Mit der Annahme des Christentums übernahm Ungarn die lateinische Schrift, das europäische Recht und die kirchliche Verwaltung; das Land wurde zum östlichen Vorposten des katholischen Europas. Die von Stephan I. gegründeten Bistümer Esztergom, Veszprém und Pécs bestehen teilweise bis heute. Die Stephanskrone und der Kult um den heiligen Stephan verbinden Ungarn über tausend Jahre hinweg mit seinen Ursprüngen – kaum ein anderes europäisches Land kann seine Staatlichkeit so klar auf einen einzigen Gründervater zurückführen.

Wie sich das junge Königreich in den folgenden Jahrhunderten gegen Mongolen behauptete und unter den Anjou-Königen zur Blüte gelangte, lesen Sie auf der Seite zum 12. bis 15. Jahrhundert. Wie Ungarn später unter osmanische und habsburgische Herrschaft geriet, schildert die Epoche 16. bis 19. Jahrhundert; die Umbrüche der Moderne behandelt die Seite zum 20. Jahrhundert. Die gesamte Übersicht aller Epochen finden Sie im Geschichte-Überblick.

Häufige Fragen zur Frühgeschichte Ungarns

Wer lebte vor den Ungarn im Karpatenbecken?

Vor den Magyaren siedelten hier nacheinander keltische Stämme, dann die Römer in der Provinz Pannonien mit der Stadt Aquincum (heute Budapest-Óbuda), später Hunnen unter Attila und schließlich die Awaren. Erst die Magyaren ab 895/896 blieben dauerhaft.

Was war Pannonien?

Pannonien war eine römische Provinz westlich und südlich der Donau, die den Westen des heutigen Ungarn umfasste. Ihre Hauptstadt Aquincum lag auf dem Gebiet des heutigen Budapest und wurde 106 nach Christus zur Hauptstadt Niederpannoniens.

Wann fand die ungarische Landnahme statt?

Die Landnahme der Magyaren im Karpatenbecken vollzog sich um 895/896 unter Großfürst Árpád. Das Jahr 896 gilt als symbolisches Gründungsdatum Ungarns.

Wer war Árpád?

Árpád war der erste ungarische Großfürst, der die sieben Magyarenstämme einte und die Landnahme anführte. Er starb um 907. Nach ihm ist die Árpáden-Dynastie benannt, die Ungarn bis 1301 regierte.

Wann wurde Stephan I. zum König gekrönt?

Stephan I. (István) ließ sich um die Jahreswende 1000/1001 mit einer von Papst Silvester II. gesandten Krone zum ersten König von Ungarn krönen. Er gilt als Gründer des christlichen ungarischen Königreichs und wurde 1083 heiliggesprochen.